Vor kurzem habe ich einen spannenden Artikel des International Dressage Officials Club (IDOC) gelesen. Eigentlich ging es darin um Dressurrichter:innen – genauer gesagt um die Frage, wie objektiv Bewertungen im Reitsport tatsächlich sein können.
Und obwohl der Fokus auf dem Richten lag, hatte ich beim Lesen das Gefühl: Dieser Gedanke betrifft uns alle. Reiter:innen. Trainer:innen. Pferdemenschen.
Denn eines wurde im Artikel sehr deutlich:
Wahrnehmung ist nie völlig objektiv.
Selbst erfahrene Richter:innen können – ganz menschlich – von Faktoren beeinflusst werden wie Reputation, bisherigen Erfolgen, Nationalität oder auch der Startreihenfolge. Das ist kein Vorwurf und keine Unterstellung schlechter Absichten. Es ist schlicht menschlich.
Und genau deshalb fand ich den Artikel so spannend.
Denn wenn selbst Menschen mit viel Erfahrung und klaren Richtlinien nicht völlig frei von unbewussten Einflüssen sind – wie sieht es dann bei uns im Alltag aus?
Wie oft urteilen wir vorschnell?
Vielleicht kennen wir alle solche Gedanken:
„Dieses Pferd ist schwierig.“
„Das Pferd ist talentiert.“
„Diese Methode funktioniert.“
„Dieser Trainer ist gut.“
Oft entstehen solche Einschätzungen innerhalb weniger Sekunden.
Doch wie oft halten wir wirklich inne und fragen uns:
Was sehe ich gerade tatsächlich?
Sehe ich Losgelassenheit?
Sehe ich Selbsthaltung?
Sehe ich ein Pferd, das weich, zufrieden und in Verbindung mit seinem Menschen wirkt?
Oder sehe ich vor allem Ausdruck, große Bewegungen oder ein Bild, das meinen Erwartungen entspricht?
Wenn Spektakel Harmonie überdeckt
Gerade im Pferdesport lassen wir uns leicht beeindrucken.
Ein ausdrucksstarker Trab. Viel Bewegung. Große Bilder.
Doch manchmal lohnt sich ein zweiter Blick.
Ist da wirklich Leichtigkeit?
Oder vielleicht Spannung?
Selbsthaltung – oder Kontrolle?
Vertrauen – oder Anpassung?
Nicht immer ist das Offensichtliche auch das Wesentliche.
Vielleicht geht es gar nicht um perfekte Objektivität
Ich glaube nicht, dass wir jemals völlig objektiv sein werden.
Aber vielleicht geht es auch gar nicht darum.
Vielleicht reicht es schon, wenn wir bewusster hinschauen.
Weniger Schubladen.
Weniger vorschnelle Urteile.
Mehr Beobachtung.
Mehr Fragen.
Mehr Pferdewohl.
Denn am Ende wünschen wir uns vermutlich alle dasselbe: Pferde, die gesund, verstanden und fair behandelt werden.
Quelle / Inspiration:
International Dressage Officials Club (IDOC):
“How to apply the FEI judging guidelines on tension, submission, acceptance of the contact and harmony”
https://idoc.club/how-to-apply-the-fei-judging-guidelines-on-tension-submission-acceptance-of-the-contact-and-harmony/



